Nie zuvor gab es so viel kulturelle und konfessionelle Vielfalt in der kirchlichen Landschaft in Deutschland. In dieser Vielfalt und den gemeinsamen christlichen Ursprüngen liegen eine große Chance das kulturelle Zusammenleben aktiv zu gestalten. Dennoch bestehen zwischen Migrationskirchen und deutschen Gemeinden oft wenige Berührungspunkte, obwohl sie in den gleichen Gemeindehäusern ihre Gottesdienste feiern. Die deutsche Gemeinde am Morgen und die Migrationskirche am Nachmittag. Mangelndes Wissen von einander und fehlendes Verständnis für einander führen oft zu Isolation und Abgrenzung. Mit dieser Webseite möchten wir Sie einladen, die kulturelle Vielfalt zu erkunden und Sie ermutigen, in Kontakt mit Migrationskirchen zu treten und interkulturelle Begegnung zu initiieren. Gerne können Sie uns kontaktieren, damit wir Sie in diesem Prozess unterstützen können.

In diesem Abschnitt finden Sie Reflexionen zur interkulturellen Begegnung, Beispiele der Zusammenarbeit vor Ort sowie weiterführende Literatur und Praxishilfen.

Reflexionen zur interkulturellen Begegnung

Interkulturelle Beziehungen entstehen nicht einfach so sondern müssen initiiert und gepflegt werden. Das braucht Zeit und Geduld, Vertrauen muss wachsen und gegenseitige Wertschätzung entstehen. Aufgrund meiner Erfahrung und Beobachtung und der Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen unterscheide ich vier Dimensionen die entscheidend für das Gelingen von interkultureller Begegnung und Zusammenarbeit beitragen.

(1) Mentale Modelle und innere Einstellungen

Die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen wird von unseren mentalen Modellen und unserer inneren Einstellung geprägt. „Mentale Modelle sind tief verwurzelte Annahmen, Verallgemeinerungen oder auch Bilder und Symbole, die großen Einfluss darauf haben, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir handeln.“ [Senge, Peter M. 2011. Die fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag, Seite 18]

Oft sind wir uns dieser mentalen Modelle nicht bewusst. Erst in der Begegnung mit Anderen kommen sie zum Vorschein. In unseren Gedanken werden wir mit eigenen diskriminierenden oder gar rassistischen Einstellungen konfrontiert. Nur wenn wir uns diesen mentalen Modellen stellen und sie nicht beschämt verdrängen haben wir die Chance Versöhnung und Veränderung zu erleben.

Unsere innere Einstellung ist hingegen die bewusste Entscheidung, ob ich kulturelle Vielfalt bejahe, Flüchtlinge willkommen heiße oder gegen sie demonstriere. Unsere innere Einstellung entscheidet aber auch darüber, ob wir eine lernende Haltung einnehmen und uns durch interkulturelle Begegnung verändern lassen. Besonders wichtig ist die Entscheidung, dass wir Dinge mit Flüchtlingen und Migranten gestalten und nicht für sie, ist entscheidend in der interkulturellen Begegnung. Christinnen und Christen mit Migrationsgeschichte kommen mit vielen geistlichen und sozialen Ressourcen, die es zu fördern und wertzuschätzen gilt.

(2) Kontext der interkulturellen Begegnung

Interkulturelle Begegnung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist durch den gesellschaftlichen Kontext geprägt. Der ungleiche Zugang zu Ressourcen, sozioökonomische Unterschiede und Alltagsrassismus beeinflussen ebenfalls die Beziehungen im christlichen Kontext.

Ein klassisches Beispiel ist die Nutzung von Gottesdiensträumen. Deutsche Gemeinden treten als Vermieter auf, während Migrationskirchen die Räume stundenweise für viel Geld mieten. Aufgrund kultureller Unterschiede - laute Musik, ungewohnte Speisegerüche oder flexibleres Zeitverständnis - ist das Verhältnis zwischen den Gemeinden oft angespannt. Vor allem wenn das ‚Vermieter-Mieter-Verhältnis‘ die Begegnung bestimmt und keine geschwisterlichen Beziehungen gepflegt werden.

Diese gesellschaftliche Realität muss anerkannt, reflektiert und, wo möglich, verändert werden. Ein erster Schritt besteht darin, Projekte und Veranstaltungen nur mit gleichberechtigten interkulturellen Vorbereitungs- und Leitungsteams durchzuführen. Ein weiterer Schritt um das Ungleichgewicht zu lindern ist, dass Migrationskirchen nicht als Mittel zur Finanzbeschaffung gesehen werden, sondern als erweiterter Dienst für das Reich Gottes in der Stadt, den es zu unterstützen gibt.

(3) Beziehungen

Die Reflexion der eigenen inneren Einstellung und die Anerkennung der ungleichen gesellschaftlichen Realität bereiten den Boden für ehrliche und wertschätzende Beziehungen. Solche Beziehungen erfordern Zeit, Investition und Geduld. Die Begegnung bei einem Planungstreffen für einen gemeinsamen Gottesdienst reicht dazu nicht aus, einen tieferen Einblick in die jeweilige Lebenswelt zu geben. Hierfür bedarf es zum Beispiel den Besuch der Gottesdienste oder die Teilnahme an Festen und Veranstaltungen der anderen Gemeinde. Einander zuzuhören, ohne zu bewerten, ist grundlegend, um Beziehungen zu bauen, Vertrauen zu gewinnen und Vorurteile abzubauen. Ohne persönliche und tragfähige Beziehungen bleibt jede interkulturelle Begegnung oberflächig und wirkt sich nicht stärkend auf den Zusammenhalt der Gesellschaft aus.

(4) Methoden

Schließlich sind es die Methoden und Programme, die helfen interkulturelle Begegnung zu initiieren. Einige Beispiele der Zusammenarbeit finden Sie im nächsten Abschnitt.
Ich habe sie bewusst als letzte Dimension genannt, da sie oft angewandt werden, ohne zuvor die obengenannten Dimensionen zu reflektieren. Die Vorbereitung eines interkulturellen Gottesdienstes illustriert eine solche Situation. Der deutsche Pastor wartet auf den afrikanischen Pastor. In seinen Gedanken hofft er, dass der afrikanische Pastor nicht predigen möchte, da er mit Akzent spricht und sich dann seine Gemeindemitglieder beschweren. Der afrikanische Pastor kommt verspätet an und entschuldigt sich mit der Begründung, dass ein Gemeindemitglied angerufen hat. Der deutsche Pastor fühlt sich in seinem Vorurteil bestätigt, dass Afrikaner wenig verlässlich und immer unpünktlich sind. Die Vorbereitung verläuft höflich, aber wirkliche Begegnung bleibt aus, da keine Beziehung zwischen beiden bestand. Der deutsche Pastor versteht die Lebenswirklichkeit des afrikanischen Pastors nicht, dessen Mitglieder zum Teil von Abschiebung bedroht sind und er sie in akuten Problemen begleiten muss. Auch das Privileg einer Gemeindesekretärin ist dem afrikanischen Pastor vorenthalten, weshalb er sich um viele Dinge selbst kümmern muss.

In der alltäglichen Praxis sind vier Dimensionen nicht voneinander zu trennen und bedingen sich gegenseitig. Ich ermutige aber alle Akteure immer wieder inne zu halten und sich selbst zu fragen, welches die innere Einstellung ist, wo das gesellschaftliche Machtungleichgewicht deutlich wird oder wie es um die Beziehungen steht.

Beispiele der Zusammenarbeit vor Ort

Die gemeinsame Nutzung von Gemeinderäumen bietet einen Ansatz, um in Beziehung zu treten. Denn gerade vor Ort liegen viele Möglichkeiten, sich aus Isolation heraus, hin zur Gemeinschaft zu bewegen. Gleichzeitig liegt in der Unmittelbarkeit solcher Beziehungen die größte Herausforderung, da es im gemeinsamen Alltag immer wieder zu Konflikten kommen kann.

Es ist wichtig, dass die gemeinsame Nutzung der Gemeinderäume gleich zu Anfang auf eine interkulturelle Partnerschaft ausgerichtet ist. Deshalb ist es hilfreich, keinen Mietvertrag, sondern einen Partnerschaftsvertrag abzuschließen. Ein Mietvertrag betont das Vermieter-Mieter-Verhältnis und macht gerade bei Herausforderungen das einseitiges Machtverhältnis deutlich, da der Vermieter die Macht hat, das Mietverhältnis nicht zu verlängern. Ein Partnerschaftsvertrag hingegen hat schon von der Sprachregelung den Anspruch Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Verantwortlichkeiten für die Räumlichkeiten können festgelegt werden, wie Fragen der finanziellen Beteiligung und der Raumgestaltung und -pflege. Gemeinsam sollte nach Lösungen gesucht werden, die für die deutschen Gemeinden keinen finanziellen Verlust bedeuten und gleichermaßen für Migrationskirchen tragbar sind.

Ideal wäre es, in beiden Gemeinden eine interkulturell kompetente Kontaktperson zu bestimmen, die bei Schwierigkeiten als Ansprechpartner dient. Offene und ehrliche Kommunikation bei den Verantwortlichen, im Kirchengemeinderat und mit dem Küster gehören zu den Voraussetzungen einer gelingenden Partnerschaft. Förderlich für die Beziehung ist es, die Existenz der Migrationskirchen nach außen sichtbar zu machen. Dies kann über Informationen zu ihren Veranstaltungen im Schaukasten der Kirche oder über ihre Gemeindeaktivitäten im monatlichen Kirchblatt erfolgen.

Eine Partnerschaft lebt besonders von Begegnungen und dem Aufbau persönlicher Kontakte. Sie entstehen nicht durch gelegentliche ökumenische Gottesdienste, sondern durch gemeinsame Projekte, in denen sich Vielfalt und Reichtum entfalten. Entscheidend ist es, diese Projekte gemeinsam zu entwickeln und zu begleiten. Sonst würden Mitglieder von Migrationskirchen wahrnehmen, dass Projekte zwar für sie, aber nicht mit ihnen initiiert werden. Im Folgenden sind einige Beispiele aufgezählt. Viele weitere kreative Ideen sind möglich:

  • „Zuhause in Deutschland“: An sechs Abenden der Begegnung können Sich Teilnehmende mit Migrationshintergrund im Gespräch mit Einheimischen mit verschiedenen Aspekten der deutschen Kultur und Gesellschaft auseinandersetzen – mit Input und Gespräch darüber: zum Beispiel Alltagskultur, Schulsystem, Polizei und deutsches Recht. Der Kurs bezieht Einheimische mit ein, denn um eine Willkommenskultur zu schaffen, ist es wichtig, dass die Einheimischen Einblick in die Lebensrealität der Zugewanderten bekommen. Das gemeinsame Essen und der persönliche Austausch an den interkulturell besetzten Tischen sind dabei ein entscheidender Aspekt, um Beziehungen zu bauen und das Zusammenwachsen zu fördern. Mehr Informationen zu dem Kurs finden Sie hier .
  • Viele Kirchengemeinden besitzen einen Kirchenchor, manche sogar einen Gospelchor. Fast alle Migrationskirchen afrikanischer Prägung haben ebenfalls einen Gospelchor. Eine Berliner Gemeinde sammelte gute Erfahrungen mit einem gemeinsamen Gospelworkshop. Der Projektchor sang bei einem gemeinsamen Gottesdienst, dem ein interkulturelles Festessen folgte.
  • Gemeinsames Essen ist ein wichtiger Bestandteil der Gastfreundschaft und Gemeinschaft in vielen Kulturen. Viele Gerichte werden mit Traditionen und kulturellen Bräuchen in Verbindung gebracht, über die es Geschichten zu erzählen gibt. Ein interkultureller Kochkurs mit Geschichten zu den Rezepten könnte ebenfalls ein gemeinsames Projekt sein.
  • Eine Tauschbörse, die für alle Beteiligten eine „Win-win-Situation“ schafft, ist ebenfalls denkbar. Eine ältere Dame oder ein älterer Herr hilft beim Ausfüllen von Formularen und dem Aufsetzen deutscher Briefe, während das Mitglied der Migrationskirche dieser Person beim Einkaufen hilft oder einen Stuhl repariert, wie es ein iranisches Gemeindemitglied für ein deutsches Ehepaar gemacht hat. Eine andere Art von gegenseitiger Unterstützung sind Sprachtandems, die sich gegenseitig in ihren Deutsch-, Englisch-, Französisch- oder Portugiesischkenntnissen helfen.
  • Gegenseitige Gottesdienstbesuche fördern ebenfalls die Beziehung. Wichtig ist dabei, die unterschiedlichen Formen und Abläufe des Gottesdienstes so zu erklären, dass Verwirrung vermieden wird.
  • In regelmäßigen Abständen können gemeinsam interkulturelle Bibelarbeiten veranstaltet werden. Damit ein gleichberechtigter Dialog möglich ist, ist die Methode des „Bibel-Teilens“ zu empfehlen [Vgl. Werner Kahl: Interkulturelle Bibelarbeiten, in: Zusammen Wachsen, EMW 2011, 210-217.].
  • Einmal im Jahr könnte eine „Woche der Gastfreundschaft“ ausgerufen werden, in der sich die Gemeindemitglieder gegenseitig einladen oder gemeinsam einen Ausflug unternehmen.

Die kulturelle und konfessionelle Veränderung der kirchlichen Landschaft in Deutschland ist nicht aufzuhalten. Wir stehen vor der Herausforderung, miteinander in Beziehung zu treten und verzerrte Wahrnehmung und Vorurteile abzubauen. Im gemeinsamen Glauben liegt eine besondere Chance, interkulturelle Beziehungen zu gestalten, kulturelle Grenzen zu überwinden und als Kirchen Vorbild für gelingende Inklusion zu sein, die wir in Deutschland so nötig haben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den persönlichen Beziehungen. Die gemeinsame Nutzung von Kirchenräumen bietet hierfür gute Möglichkeiten. Es müssen jedoch Strukturen und Voraussetzungen geschaffen werden, die Begegnungen initiieren und begleiten. Nur die Bewegung auf einander zu verhindert Isolation und Abgrenzung.

[Dieser Text ist von Bianca Dümling geschrieben. Die Reflexionen zur Interkulturellen Begegnung basieren auf: Dümling, B./Sommerfeld, H. (2016): Neue Gemeinden hat die Stadt - Migranten, Migrationskirchen und interkulturelle Gemeinden. In: Sommerfeld, H.: Mit Gott in der Stadt. Die Schönheit der urbanen Transformation. Transformationstudien 8. Marburg: Francke Verlag, S. 407-424 ]

Literatur und Praxishilfen:

Gemeinsam Gott Loben - Arbeitskreis Migration und Integration, Deutsche Evangelische Allianz

Gemeinsam auf dem Weg. Eine Handreichung zum ökumenischen Miteinander mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft – Evangelische Kirche in Württemberg und Evangelische Kirche in Baden

Glauben leben – vielfältig, interkulturell. Migrationsgemeinden und deutsche Gemeinden auf dem Weg – Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover

Gemeinsam evangelisch! Erfahrungen, theologische Orientierungen und Perspektiven für die Arbeit mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft – EKD Texte 119 – Evangelische Kirche in Deutschland

Gemeinden anderer Sprache und Herkunft – Evangelische Kirche im Rheinland

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